Im Jahr 2025 erklärten uns die beiden prominentesten Stimmen im Bereich der künstlichen Intelligenz, dass unsere Arbeitsplätze in größter Gefahr seien. Sam Altman warnte, dass ganze Branchen an Einstiegsrollen für Büro-Jobs verschwinden könnten. Dario Amodei ging sogar noch weiter. Er deutete an, dass KI innerhalb weniger Jahre bis zur Hälfte dieser Arbeitsplätze vernichten und die Arbeitslosigkeit in den zweistelligen Bereich treiben könnte. Es sei zudem seine Pflicht, diese Gefah auch laut auszusprechen.
Ein Jahr später haben sich diese Orakel-Rufe ins Gegenteil verkehrt. Altman sagt nun, er habe „ziemlich falsch“ gelegen, was die Geschwindigkeit angeht, mit der diese Jobs verschwinden würden. Er sei außerdem „erfreut darüber, sich geirrt zu haben.“ Amodei hingegen hat die Auswirkungen der Automatisierung neu verpackt: sie sei nicht mehr der Vernichter von Arbeitsplätzen, sondern der Multiplikator menschlicher Produktivität. Wenn man den Großteil einer Aufgabe automatisiert, so lautet nun sein Argument, widmen sich die Menschen einfach umso mehr dem Teil, der noch übrig bleibt.
Es ist nur zu verlockend, dies als Wandlung zweier KI-Experten zu verstehen, die ihre Vorhersagen der neuen Datenlage anpassen. Der von ihnen befürchtete Abbau menschlicher Arbeitskräfte durch KI lässt sich anhand der Arbeitsmarktdaten jedenfalls nicht belegen. Dies liefert ihnen die Grundlage, um mit ihren Meinungen zurückzurudern.
Eine zweite Lesart verweist auf die öffentliche Stimmung. So werden Tech-Manager bei Uni-Abschlussfeiern ausgebuht, Menschen protestieren gegen den Bau neuer Rechenzentren, und die allgemeine Ablehnung von KI steigt. Beide Interpretationen beinhalten einen wahren Kern. Aber keine von beiden beschreibt die eigentlichen Ursachen für den Stimmungsumschwung von Altman und Amodei. Die Datenlage bot zwar den perfekten Anlass dafür, und der öffentliche Druck tat sein übriges - aber es geht hier um etwas viel Grundlegenderes.
Der Tonfall der beiden KI-Manager wurde nicht deshalb moderater, weil sie ihre Meinung geändert hätten. Er passte sich ihrem neuen Geschäftsmodell an, welche Unternehmenskunden anstatt private Konsumenten avisiert.
Warum sich die Weltuntergangsstimmung 2025 auszahlte
Vor einem Jahr sammelten beide Unternehmen noch enorme Summen an Kapitel ein. Um Investoren zu überzeugen nutzten sie dafür die Logik des sogenannten Skalierungsgesetzes: je größer das Modell, desto besser ihre Fähigkeiten, und desto größer der notwendige Scheck. In dieser Welt gilt: Je transformativer – und je gefährlicher – KI erscheint, desto leichter lassen sich die Bewertungen, die Kapitalausgaben und die Aufmerksamkeit der Regulierungsbehörden rechtfertigen. Eine mögliche Disruption des Arbeitsmarktes war dabei keine Warnung, die dem Verkaufsargument entgegenstand - sie war das Verkaufsargument.
Besonders für Anthropic erfüllte das Herausstellen der möglichen Gefahren gleich einen doppelten Zweck. Ein Unternehmen, das am lautesten vor den Risiken warnt, positioniert sich gleichzeitig als der verantwortungsvolle Akteur, dem die Regulierungsbehörden bei der Entwicklung vertrauen sollten. Im Jahr 2025 war die Angst vor KI ein strategisches Asset.
Warum sich positive Zukunftsbilder 2026 auszahlen
In der Zwischenzeit hat sich die Ziel-Kundengruppe der Unternehmen jedoch geändert. Beide steuern auf Börsengänge mit Bewertungen im Billionen-Dollar-Bereich zu. „Wir verursachen eine mögliche Massenarbeitslosigkeit“ ist dabei keine Geschichte, die man institutionellen Anlegern gerne erzählt. Eine allzu große Feindseligkeit in der öffentlichen Wahrnehmung birgt ein zusätzliches Reputationsrisiko, das aus der Welt geschafft werden muss. Aber noch wichtiger ist: Die Einnahmen, die diese Bewertungen rechtfertigen müssen, stammen nun nicht mehr aus Finanzierungsrunden von Risikoinvestoren. Sie kommen von anderen Unternehmen.
Und Unternehmen kaufen nach anderen Wertmaßstäben. In der Unternehmenswelt sind „Vertrauen“ und „Zuverlässigkeit“ das, wofür Kunden tatsächlich bezahlen. Kein CIO – und kein Mitarbeiter, der diese Tools nutzen soll – kauft ein Produkt, das mit dem Slogan „Das wird dich ersetzen“ vermarktet wird. Die Marketingbotschaft wird also für den Käufer optimiert. Dieselbe Technologie, die einst als Revolution verkauft wurde, wird nun als verlässliches Produktivitätswerkzeug dargestellt.
Der gleiche Kurswechsel, zwei verschiedene Auswege
Was diesen Moment so aufschlussreich macht, ist die Tatsache, dass Altman und Amodei ihre Formulierungen nicht auf die gleiche Weise abmildern.
Altmans Markenzeichen war schon immer der Überfluss – eine Zukunft im Wohlstand, ermöglicht durch KI. Von seiner Maximal-Utopie ein Stück weit zurückzurudern, kosten ihn fast nichts. Er kann einfach sagen, dass er sich beim Zeitrahmen geirrt hat - und wieder zur Tagesordnung übergehen.
Amodeis Markenzeichen war die Warnung. Die Abrechnung mit den Bürojobs war seine zentrale These. Sie war das, was ihn von seinen Kollegen abhob. Er kann diese Behauptung nicht stillschweigend zurückziehen, ohne seine eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Anstatt also seine Warnungen zurückzuziehen, formuliert er sie um. Automatisierung, die einst Arbeitsplätze „zerstörte“, „multipliziert“ nun die menschliche Leistung. Gleiches Ziel, anderer Ausweg – man behält das Bild der transformativen Kraft der KI bei, aber streicht die vermeintlich Millionenfache Arbeitslosigkeit aus der Gleichung.
Wir haben diesen Film schon einmal durchlebt
Nichts davon sollte jemanden überraschen, der schon einmal miterlebt hat, wie ein Technologie-Hype-Zyklus seinen Lauf nimmt. Wie ich in meinem Buch „Generative KI sinnvoll nutzen“ beschreibe, wiederholen sich dieselben Muster immer wieder - vom Platzen der Dotcom-Blase über die Green-Tech-Blase bis hin zur Ära der Smartphones. Zwei dieser Muster zeigen sich hier gerade in voller Deutlichkeit.
Erstens: Die Zeitskalen der Veränderungen werden immer falsch vorhergesagt. Wie Bill Gates einst anmerkte, überschätzen wir den disruptiven Wandel der nächsten zwei Jahre, und unterschätzen gleichzeitig die Veränderungen, die in den kommenden zehn Jahren möglich sind. Die Prognosen aus 2025 waren klassische Erzählungen eines Hype-Zyklus – der versprochene Umbruch sollte viel zu schnell und viel zu reibungslos vonstatten gehen. Was wir jetzt beobachten, ist die vorhersehbare Korrektur der Zeitskalen. Das ist kein Beweis dafür, dass die langfristigen Auswirkungen überschätzt haben - ganz im Gegenteil.
Zweitens: Geschäftsmodelle sind wichtiger als Technologien. Die Unternehmen, die solche Zyklen letztendlich für sich entscheiden, sind selten die mit den lautesten Vorhersagen. Es sind diejenigen, die einen glaubwürdigen Weg zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell aufzeigen können. In der veränderten Rhetorik von Altman und Amodei zeigt sich schlichtweg dieser Wandel – der Moment, in dem ein Forschungslabor beginnt, sich wie ein Unternehmen zu verhalten, das ein Produkt verkaufen muss.
Worauf wir achten sollten
Die Lektion für alle, die versuchen, das Verhalten der führenden KI-Köpfe zu verstehen, lautet: Folge dem Geld, nicht der derzeitigen Stimmungslage. Wenn sich der Tonfall von Managern öffentlich ändert, sollten wir genau betrachten, was genau sie an wen verkaufen müssen und vom wem sie Geld dafür benötigen. Das Geschäftsmodell bestimmt, welche Zukunftsvisionen CEOs verkünden – das war schon immer so, und bewahrheitet sich auch in der Tech-Szene.
Wenn sich diese Narrative also das nächste Mal verschieben – und das werden sie – sollten sie sich nicht fragen, zu welchen neuen Erkenntnissen sie gelangt sind. Fragen Sie sich vielmehr: „Was wollen sie mir nun verkaufen?“
Referenzen:
- Fortune: Sam Altman and Dario Amodei are both walking back their AI jobs apocalypse prophecies as they eye blockbuster IPOs, May 26th 2026
- Time: Sam Altman Says AI ‘Jobs Apocalypse’ He Once Predicted Probably Won’t Happen. What Changed?, May 26th 2026
- Yale Budget Lab: AI Is Probably Not (Yet) the Reason for Labor Market Weakening, May 7th 2026